Sonntag, 19. März 2017

Gastbeitrag von Klaus Hausmann

"Reisen, fotografieren und präsentieren" - das ist sein Motto. Klaus Hausmann, der sportliche Abenteurer und Fotograf hat sich im Jahr 2016 auf eine besondere Reise begeben: vom Nordkap bis nach Istanbul wollte er ursprünglich radeln. Wegen der politischen Situation in der Türkei fuhr er dann "nur" bis nach Griechenland, allerdings hängte er dann kurzerhand noch den Abschnitt von Italien nach Deutschland an.

Rund 8500 Kilometer legte er bei dieser Reise mit dem Fahrrad zurück, davon ein großer Teil auf der Route des Iron Curtain Trails. Wir freuen uns sehr, dass wir hier einen Auszug aus seinem Reisebericht veröffentlichen dürfen. Mehr Berichte, Fotos und viele detaillierte Informationen sowie Termine der Reisevorträge gibt es auf seiner Homepage klaus-hausmann.de und auf seinem Reiseblog


Norwegen und das Nordkap 

Honningsvåg bei trübem Wetter
Ankunft in Alta um 23 Uhr. Die Sonne steht dicht über dem Horizont, es ist noch fast taghell. Mein Gepäck und das Fahrrad kann ich vollständig und unversehrt bei der Gepäckausgabe abholen. Ich fahre ein Stück aus dem Ort heraus uns zelte direkt am Strand bei frischen 8°C. 
Es war eine kurze Nacht. Heute ist der 01. Juni 2016. Mein erstes Ziel in Norwegen ist Hammerfest, die nördlichste Stadt der Welt. Von dort aus geht es weiter nach Honningsvag auf der Nordkap Insel Magerøya. 

Am 06. Juni  erreiche in Honningsvag. Die bisherigen Etappen seit Alta waren nicht wirklich schwer zu fahren, 500 hm pro Tag ist, auch mit viel Gepäck, machbar. Zu schaffen macht mir eher das Wetter. Nicht mehr als 5°C und eisiger Nordwind, der immer wieder Regen- und Schneeschauer bringt, drücken etwas den Spaßfaktor. Wenn die Sonne es aber hin- und wieder schafft durch die Wolken zu blicken, erstrahlt die faszinierende Landschaft in wunderbarem Licht.
 Die Durchfahrt durch den Nordkap Tunnel war einer der bisherigen Höhepunkte. 7 km Länge, über 200m unter dem Meeresspiegel und 9% Steigung waren eine Herausforderung und ein Erlebnis. Wie geplant habe ich mir eine Hütte auf einem Campingplatz 5 km hinter Honningsvag gemietet und fahre morgen ausgeruht und mit kleinem Gepäck zum Nordkap.
Nordkap – der nördlichste Punkt Europas

Nach dem Frühstück in der warmen Hütte mache ich mich auf den Weg. Schon bald fängt es an zu regnen. Die Straße schlängelt sich über die hügelige Insel. Ich treffe einen jungen Mann unterwegs, der mit großem Rucksack zu Fuß zum Nordkap unterwegs ist.  Nach 3 Stunden erreiche ich, vom Regen durchnässt, den magischen Ort. Ich bin erleichtert, glücklich und stolz auf mich mit dem Fahrrad nun hier am Nordkap zu stehen. Heute habe ich alle Zeit der Welt diesen Augenblick zu genießen. Die Euphorie wird ein wenig getrübt, das Nordkap wirkt auf mich heute ein wenig verlassen und traurig. Liegt wohl am Wetter und daran, dass nur sehr wenige Besucher hier sind. Einige Male jedoch bläst der Wind den Nebel fort und öffnet den Blick über das Nordmeer und die Barentssee.

Schneereste und eisiger Wind  in der Finnmark
Am Nachmittag fahre ich zurück zum Campingplatz. 50 km und 1200 hm bei Dauerregen habe ich heute hinter mir. Wie kommt man nur auf die Idee mit dem Fahrrad an diesen abgelegenen Ort zu fahren. Diese Frage stelle ich mir nicht wirklich. Denn was letztlich zählt und den Kampf gegen Wind und Wetter rechtfertigt ist das Gefühl es geschafft zu haben.

Nachdem ich jetzt eingefahren bin, kann nun der offizielle Teil beginnen. Noch ist es mein Plan vom Nordkap nach Istanbul zu radeln. Nächster Meilenstein ist Kirkenes, dort beginnt der EuroVelo-13, der Iron Curtain Trail, der von Kirkenes bis zum Schwarzen Meer verläuft.
  
Von Honningsvag aus nehme ich das Hurtigruten Postschiff nach Kjöllefjord. Ich erspare mir dadurch die Fahrt um den Porsangerfjorden. Die vielen Schneereste zeigen, dass der Winter hier noch nicht wirklich vorbei ist. Die beiden Fjells die ich überquere sind sehr karg. Außer Geröll, Schnee, Bäche und Seen gibt es hier nur die Straße und mich. Hin und wieder braust ein Auto vorbei, vielleicht 5 pro Stunde. Obwohl nur 300m hoch beträgt der Temperaturunterschied zur Küste bis zu 10°C.   

Die Straße schlängelt sich entlang der Barentssee
Am ersten Tag schaffe ich nur 30km, dann krieche ich, steifgefroren wie ein Eisklotz, in meinen Schlafsack. Das Zelt stelle ich in den Windschatten einer verlassenen, aber abgeschlossenen Holzhütte. Am zweiten Tag lässt der Wind nach und ich habe ihn auch mal von hinten. Das sind dann die Momente, die einen Radreisenden für manche Quälerei entschädigen. Du fährst, leicht abschüssig mit Rückenwind, durch eine atemberaubende Landschaft und es herrscht Stille - du hörst lediglich das leise Surren deiner beiden Schwalbe unplattbar.  

Am Abend erreiche ich Ifjord und genieße wieder den Komfort eines Campingplatzes. Ich bin davon ausgegangen, dass ich hier für die weitere Strecke Proviant einkaufen kann. Dem ist aber nicht so. An dem vorerst letzten Supermarkt bin ich vor 20 km vorbeigefahren. Erst in 60 km kommt eine Tankstelle, bei der man etwas kaufen kann. Dann erst wieder in Tana bru, das sind 90km von hier. Ich hätte Brot gebraucht für die Pausen zwischendurch, so gibt's eben die Wurst ohne Brot. Nudelsuppe habe ich auch noch, also - noch kein Notstand. 
Am nächsten Tag starte ich die Etappe nach Tana bru. Ich werde die 90km nicht an einem Tag bewältigen und unterwegs irgendwo übernachten. Ich genieße die Fahrt durch die abwechslungsreiche Landschaft bei Sonnenschein. Es geht, wie erwartet, immer wieder auf und ab. Nach 50 km habe ich bereits 850hm. Das reicht mir für den heutigen Tag, ich halte Ausschau nach einem Lagerplatz. Es dauert nicht lange bis ich eine schöne Stelle zum Zelten finde.  

Häufig einsame Abschnitte auf nordischen Straßen
Am Abend versuche ich ein Lagerfeuer zu machen. Es ist allerdings schwierig, trockenes Holz zu finden. Das feuchte Holz qualmt mehr als es brennt und ich rieche später wie ein Räucherstäbchen. War wohl keine gute Idee. 
Als ich am nächsten Morgen aufwache ist es ungewohnt warm im Zelt. Die Sonne scheint schon morgens um 6 Uhr und heizt das Zelt auf. Ich genieße noch ein Weilchen die wohlige Wärme. Kurz nach 9 Uhr bin ich wieder "on the Road". Herrlich, bei schönem Wetter unterwegs zu sein. Heute ist Sonntag und ich habe nur 40km zu fahren. Die Tankstelle, an der ich mein Frühstück geplant hatte, öffnet erst um 13 Uhr. Später, in Tana bru, gibt es alles von der Pizzeria bis zum Supermarkt und sogar einen Friseur. Nur leider ist heute alles geschlossen. In Tana bru treffe ich Jürgen. Er kommt aus der Nähe von Berlin und ist allein mit dem Auto unterwegs. Er suchte wie ich eine Unterkunft und das Hotel/Camping hier in Tana bru ist ziemlich teuer. Ich erzähle ihm von dem anderen Campingplatz, der nicht weit von hier ist. Als ich dort ankomme, ist Jürgen bereits da. Wir haben Glück die Hütten kosten hier nur die Hälfte gegenüber dem Platz in Tana bru. Aber auch hier gibt es außer Getränken nichts zu kaufen. Ich bekomme aber ein Brot, das der Platzwart extra für mich auftaut. Als Abwechslung zu meinen Nudelgerichten bekomme ich von Jürgen Kartoffelklöße und Rindsrouladen geschenkt. So hatte ich an diesem Sonntag ein kleines Festessen in einer gemütlichen Hütte auf einem angenehmen Campingplatz.

Unterwegs auf der E6
Für die 300 km von Kjöllefjord bis Kirkenes brauche ich 6 Tage. Niedrige Temperaturen nicht weit über Null, eisiger Wind aber auch hin und wieder Sonnenschein und 3500 hm sind zu bewältigen.  
Auf der Straße E6, zwischen Tana bru und Kirkenes, erwartet mich eine grün bewachsene Landschaft. Die Straße schlängelt sich meist nah an der Küste entlang.  
Am nächsten Tag läuft es gut. Teilweise mit Rückenwind schaffe ich 95km und zelte in einem Wäldchen kurz vor Neiden. In Neiden befindet sich der Abzweig Richtung Süden zur finnischen Grenze. Ich mache vorher noch den Abstecher nach Kirkenes um genau am Startpunkt des Iron Curtain Trails zu starten. 

Ich habe heute nur 40km zu bewältigen und bin früh am Campingplatz. Endlich mal Zeit zum Wäsche waschen. Abends fahre ich ins Zentrum von Kirkenes. Die untergehende Sonne beleuchtet die Beringssee, den Startpunkt einer weiteren Etappe auf meiner Tour-2016.

Text und Fotos: Klaus Hausmann